JÄGER Busi­ness Blog

Gum­mi & Kunst­stoff: Glo­bal Sourcing ist nicht
immer die bes­te Beschaffungsstrategie

13.10.2021   |   Wer­ner Kruckenberg

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Glo­bal Sourcing gilt nach wie vor als Gold­stan­dard der Beschaf­fungs­stra­te­gien, auch in der Gum­mi- und Kunst­stoff­bran­che. Form­tei­le aus Süd­ost­asi­en zu bezie­hen ist so weit ver­brei­tet, dass vie­le Unter­neh­men ande­re Optio­nen gar nicht mehr in Betracht zie­hen. Aller­dings schrän­ken sich Entscheider*innen im Ein­kauf mit die­ser Denk­wei­se unnö­tig ein, denn auch Glo­bal Sourcing ist kei­ne Uni­ver­sal­lö­sung für alle Beschaf­fungs­sze­na­ri­en. Oft ergibt es Sinn, auf deut­sche Lie­fe­ran­ten aus­zu­wei­chen, trotz des höhe­ren Einkaufspreises. 

Die Qua­li­tät inter­na­tio­na­ler Zulie­fe­rer schwankt oft

Eins gilt es von vor­ne­her­ein klar­zu­stel­len: Deut­sche Anbie­ter sind nicht grund­sätz­lich bes­ser als inter­na­tio­na­le. Auch in ande­ren Län­dern gibt es her­vor­ra­gen­de Gummi‑, Kunst­stoff- und Werk­zeug­pro­du­zen­ten, die Waren in Top-Qua­li­tät lie­fern. Zudem haben inter­na­tio­na­le Zulie­fe­rer oft auch Mar­ken­pro­duk­te gro­ßer Kon­zer­ne im Port­fo­lio, deren Qua­li­tät über­all auf der Welt gleich ist.

Aller­dings sind die Prei­se die­ser Top-Anbie­ter für die ört­li­chen Ver­hält­nis­se auch ent­spre­chend hoch, was den Inten­tio­nen des Glo­bal Sourcings wider­spricht. Es ergibt nur wenig Sinn, Waren um die hal­be Welt zu trans­por­tie­ren, wenn der Ein­kaufs­preis letz­ten Endes dem ent­spricht, den ein deut­scher Her­stel­ler ver­langt hät­te. Wer Waren aus Über­see bezieht, tut dies meist, um die Kos­ten zu redu­zie­ren. Und das geht fast immer zulas­ten der Qualität.

Hier­bei geht es nicht um das all­ge­mei­ne Qua­li­täts­ni­veau, son­dern um die Kon­sis­tenz. Die Maß­to­le­ran­zen güns­ti­ger inter­na­tio­na­ler Zulie­fe­rer sind oft wesent­lich höher, als deut­sche Unter­neh­men es gewohnt sind. Bei­spiels­wei­se ist es üblich, dass die Shore-Här­te von Gum­mi­plat­ten mit einer Tole­ranz von ±5 Punk­ten ange­ge­ben wird. Bei Export­wa­re wer­den dage­gen sehr häu­fig Tole­ran­zen mit ±10 Punk­ten ange­setzt, wodurch es zu gro­ßen Dif­fe­ren­zen beim Kun­den kom­men kann. Eine Char­ge Unter­leg­schei­ben kann somit eine Här­te von 75 Shore und die nächs­te eine von 60 Shore auf­wei­sen, obwohl bei­de die Qua­li­täts­prü­fung des Zulie­fe­rers bestan­den haben.

Für die Pro­duk­ti­on ist solch eine hohe Streu­ung pro­ble­ma­tisch. Ins­be­son­de­re euro­päi­sche Nor­men und Ver­ord­nun­gen las­sen nur wenig Spiel­raum für Schwan­kun­gen. Die­se Tat­sa­che ist jedoch Lie­fe­ran­ten aus Über­see oft nur schwer zu ver­mit­teln. Aus ihrer Sicht wir­ken die Anfor­de­run­gen deut­scher Kun­den peni­bel, was die Abstim­mung zusätz­lich erschwert.

Gro­ße Distan­zen erschwe­ren die Neuentwicklung

Neue Pro­duk­te zu ent­wi­ckeln, wenn Unter­neh­men aus meh­re­ren Län­dern invol­viert sind, ist ein schwie­ri­ger Pro­zess. Kom­mu­ni­ka­ti­on und Abstim­mung sind bereits unter nor­ma­len Umstän­den auf­wän­dig. Kommt noch das Pro­to­typ­ing hin­zu, steigt der Auf­wand wei­ter an. Im Gum­mi- und Kunst­stoff­be­reich gibt es meist zwei Bemus­te­rungs­schlei­fen, bevor das Form­teil in die Fer­ti­gung geht. Fällt hier ein Feh­ler auf, muss der Lie­fe­rant nach­bes­sern und das Mus­ter erneut nach Deutsch­land schi­cken, was selbst per Luft­post eini­ge Tage dau­ern kann.

Im Werk­zeug­bau sind die­se Ver­zö­ge­run­gen noch gra­vie­ren­der. Tritt hier ein Feh­ler auf, muss der Kun­de das Werk­zeug zur Kor­rek­tur zurück­schi­cken. Auf dem See­weg kann das sechs bis zehn Wochen dau­ern. Der Luft­weg ist schnel­ler, frisst aller­dings den Preis­vor­teil auf. Dann muss der Lie­fe­rant nach­bes­sern und das Werk­zeug wie­der nach Euro­pa sen­den. Der gesam­te Pro­zess kann drei bis vier Mona­te in Anspruch nehmen.

Es gibt zwar Mit­tel und Wege, um die­se Ver­zö­ge­run­gen zu redu­zie­ren, aber die­se sind mit ande­ren Nach­tei­len ver­bun­den. Per­so­nal für die Bemus­te­rung des Werk­zeugs ins Aus­land zu schi­cken ist zum Bei­spiel nicht immer prak­ti­ka­bel. Für Nach­bes­se­run­gen einen deut­schen Her­stel­ler hin­zu­zu­zie­hen negiert wie­der­um den Kos­ten­vor­teil des Glo­bal Sourcings.

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Oft tre­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­me auf

Je grö­ßer die Distanz zwi­schen Auf­trag­ge­ber und Pro­duk­ti­ons­part­ner ist, des­to schwe­rer gestal­tet sich die Zusam­men­ar­beit. Das beginnt schon bei der Tat­sa­che, dass sich in ver­schie­de­nen Zeit­zo­nen die Büro­zei­ten even­tu­ell nicht überlappen.

Chi­na ist Deutsch­land zum Bei­spiel sie­ben Stun­den vor­aus. Eine Rück­fra­ge am Nach­mit­tag eines deut­schen Unter­neh­mens kommt bei den chi­ne­si­schen Kolleg*innen erst am spä­ten Abend an. Deren Ant­wort erreicht Euro­pa erst am nächs­ten Mor­gen. Ein Dia­log gestal­tet sich auf die­se schwie­rig. Auch Tele­fo­na­te oder Web-Mee­tings sind pro­blem­be­haf­tet, da für eine gemein­sa­me Ter­min­fin­dung nur ein kur­zes Zeit­fens­ter besteht, in dem sich die Büro­zei­ten bei­der Unter­neh­men überschneiden.

Hin­zu kom­men inter­kul­tu­rel­le Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me. Die deut­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­art wird im Aus­land als sehr direkt wahr­ge­nom­men. Kul­tu­ren in Süd­ost­asi­en ten­die­ren dage­gen zu einer indi­rek­ten Ver­stän­di­gung und ver­mei­den es, eine ande­re Per­son vor den Kopf zu sto­ßen. Sol­che Unter­schie­de füh­ren manch­mal zu Miss­ver­ständ­nis­sen. Auch Unter­schie­de in der Arbeits­wei­se kön­nen pro­ble­ma­tisch sein. Die typisch deut­sche Fokus­sie­rung auf Details und Prä­zi­si­on tei­len nicht alle Län­der, was zu Kon­flik­ten füh­ren kann.

Dar­über hin­aus darf man die tech­ni­sche Sei­te nicht ver­ges­sen. Unter­neh­men im Aus­land set­zen teils ande­re Soft­ware-Lösun­gen oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stan­dards ein, die mit ihren deut­schen Pen­dants nicht immer kom­pa­ti­bel sind. CAD-Sys­tem sind hier­für ein gutes Bei­spiel. Elek­tro­ni­sche Kon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen deut­scher Unter­neh­men kön­nen inter­na­tio­na­le Part­ner teil­wei­se nicht öff­nen oder sie kom­men ver­zerrt an. Das erzeugt zusätz­li­chen Abstimmungsaufwand.

Glo­bal Sourcing birgt immer Risiken

Zusätz­lich zu den pro­duk­ti­ons­spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen des Glo­bal Sourcings gibt es Nach­tei­le, die jedes Unter­neh­men in Kauf nimmt, das Waren aus Über­see bezieht. Dazu gehört neben lan­gen Grund­lie­fer­zei­ten auch das Risi­ko für unge­plan­te Ereig­nis­se, die eine ter­min­ge­rech­te Lie­fe­rung ver­zö­gern. Das kön­nen schlech­te Wet­ter­be­din­gun­gen sein, aber auch Staus an Eng­stel­len oder viel­fre­quen­tier­ten Umschlag­plät­zen. Poli­ti­sche Fak­to­ren spie­len eben­falls eine Rol­le. Bei­spiels­wei­se haben die chi­ne­si­schen Behör­den im August 2021 zwecks Pan­de­mie­be­kämp­fung den zweit­größ­ten Con­tai­ner­ha­fen des Lan­des geschlos­sen, was Lie­fer­ket­ten auf der gan­zen Welt beein­träch­tigt hat.

Auch die Fle­xi­bi­li­tät lei­det, wenn ein Unter­neh­men Gum­mi- und Kunst­stoff­form­tei­le aus Über­see bezieht. Nach­fra­ge­spit­zen sind schwer zu bedie­nen, wenn zusätz­li­cher Nach­schub meh­re­re Wochen im Con­tai­ner unter­wegs ist. Hin­zu kom­men gesetz­li­che Vor­ga­ben, die das glo­ba­le Sup­ply-Chain-Manage­ment vor Her­aus­for­de­run­gen stel­len, zum Bei­spiel Umwelt­auf­la­gen oder das Lie­fer­ket­ten­ge­setz der EU.

Zusam­men­ge­fasst

Glo­bal Sourcing ist als Beschaf­fungs­stra­te­gie so weit ver­brei­tet, dass vie­le Unter­neh­men ande­re Optio­nen gar nicht mehr in Betracht zie­hen. Solch ein Tun­nel­blick ist jedoch immer ris­kant. Bei all ihren Stär­ken hat die glo­ba­le Beschaf­fung von Gum­mi- und Kunst­stoff­form­tei­len auch eini­ge Nach­tei­le, die je nach Situa­ti­on gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen haben kann. Dazu zäh­len unter ande­rem aus­ge­präg­te Qua­li­täts­schwan­kun­gen, poten­zi­el­le Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me mit Pro­duk­ti­ons­part­nern und lan­ge Lieferzeiten.

Das heißt natür­lich nicht, dass Fer­ti­gungs­un­ter­neh­men grund­sätz­lich auf Glo­bal Sourcing ver­zich­ten soll­ten. Aller­dings lohnt es sich, fest­ge­fah­re­ne Beschaf­fungs­stra­te­gien zu über­den­ken und zu über­prü­fen, ob ein Gum­mi- und Kunst­stoff­an­bie­ter in Deutsch­land even­tu­ell die bes­se­re Wahl ist. „Just go to Chi­na“ ist nicht immer die bes­te Strategie.

White­pa­per:
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Autor: Wer­ner Kruckenberg

Wer­ner Kru­cken­berg ist seit 1981 bei Jäger im Ver­trieb tätig. Der gelern­te Groß- und Außen­han­dels­kauf­mann lei­tet seit 2001 den Stand­ort in Nürnberg/Fürth.

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